Es gilt das gesprochene Wort!
„Appell an das Miteinander - das Ideal nie aufzugeben
und immer wieder, immer weiter anzustreben“
Gäbe es den Deutschen Sozialpreis noch nicht – man sollte ihn erfinden.
Denn im Grunde sind die Preise, die heute verliehen werden, ein wichtiger Appell, ein Appell an das Miteinander.
Sie sind Symbole und Auftrag, das Ideal nie aufzugeben und immer wieder, immer weiter anzustreben.
Es sind Impulse für genaues Hinschauen, auch für das Aufrütteln. Es sind mehr als sanfte Hinweise, eher Alarmzeichen für „Da müssen wir dringend etwas tun!“
Dafür stehen viele der Einreichungen, dafür stehen die Nominierten. Es geht um Themen, um Probleme, die unter dem Radar laufen, die auch oft tabuisiert sind: Von der Gewalt im Leben von Obdachlosen, die Krise im Jugendamt, das Tabuthema Tod – zu dem ich aus meinem langjährigen Ehrenamt als Vorsitzender im Hospizbereich einiges weiß – aber auch bekanntere Themen wie Kinderarmut oder Alleinerziehende.
Was beeindruckt: Die Themen sind nicht oberflächlich, nicht auf schrillen Effekt, sondern auf Tiefenwirkung angelegt. Das ist selten, und das hilft auf Dauer mehr.
Es ist ein Mehrwert nicht nur für die Betroffenen, weil es ein Mehr an Erkenntnis für uns alle, inklusive der Politik bringt. Dafür, für diesen Ansatz und diese Mühe, danke ich Ihnen allen.
Herzkammer unserer Gesellschaft
Warum braucht es besondere Aufmerksamkeit für diese Umstände?
Was macht den Sozialpreis für die Menschen und für Öffentlichkeit so besonders?
Unser Sozialstaat ist nicht nur dazu da, um akute Not zu lindern. Unsere soziale Infrastruktur ist anders konstruiert, als nur darauf Almosen zu verteilen. Wir müssen Notlagen nicht nur akut abwenden, sondern sie als Problem lösen. Dabei wollen wir Menschen befähigen, sich immer mehr selbst zu helfen.
Im Verständnis der Bundesregierung, aber auch der Wohlfahrtspflege geht es immer darum, Menschen zu stärken – immer um Hilfe zur Selbsthilfe.
In der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege arbeiten bundesweit in über 100.000 Einrichtungen und Diensten rund 2 Millionen Hauptamtliche und ca. 3 Millionen ehrenamtlich Engagierte.
Hier geht es um weit mehr als um die enorme Dimension an Dienstleistungen – es geht um eine der Herzkammern unserer Gesellschaft, wenn wir sie als Gesellschaft mit menschlichem Gesicht begreifen.
Das Hauptamt, das Ehrenamt, die Atmosphäre, der Geist, den diese Arbeit am Menschen, mit den Menschen, mit den Nächsten atmet – diesen Geist atmet auch eine Gesellschaft, von Familie über Nachbarschaften, Kommunen, mit allen Facetten an einzelnen Menschen und Gruppen.
Und sie kümmern sich, sie kümmern sich um die, die gerade schwach sind. Und es bestimmt maßgeblich die Stärke einer Gesellschaft, wie stark sie sich um die Schwachen kümmert. Für diesen Einsatz, dieses sich-kümmern, diesen Dienst an den Nächsten – dafür sind wir Ihnen zu Dank, zu tiefem Dank verpflichtet. Ich sage danke im Namen der Bundesregierung und darf Ihnen allen die besondere Wertschätzung von Bundesministerin Karin Prien sagen, ihr direkter Austausch mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege liegt nur kurze Zeit zurück.
Ihre Arbeit spiegelt sich auch in den knapp 300 Einsendungen für den Sozialpreis wider: Kinder, Jugend und Familie – Demokratie und freiwilliges Engagement.
Das trifft unseren Dreiklang im Haus, den wir mit unserer Ministerin Karin Prien verfolgen:
• Bessere Bildung,
• starke Familien,
• starke und resiliente Demokratie.
Wir haben ein gewaltiges Feld gemeinsam zu beachten, und zu bearbeiten, wenn wir eine bessere Zukunft für die Menschen erreichen wollen. Erlauben Sie mir dazu ein paar knappe Skizzen.
Erstens geht es um Bildung.
Sie betreuen in Ihren Einrichtungen und in der Beratung vor allem solche Menschen, die besondere Unterstützung brauchen.
Da sind die Alleinerziehenden, mit konstant klammer Kasse, für die es Angebote der Frühen Hilfen gibt.
Oder Jugendliche im Bereich betreutes Wohnen, in speziellen Fördermaßnahmen.
Hier kann Unterstützung für den bisher nicht erreichten Schulabschluss oder eine Ausbildung ganze Biographien entscheidend prägen. Es bleibt aber klar: Da müssen wir weiter besser werden, denn unsere Gesellschaft kann und darf es sich nicht erlauben, diese jungen Menschen zurückzulassen.
Und es ist auch klar: Bildung ist der Schlüssel.
Der IQB-Bildungstrend 2024 warnt beim Thema Bildung mit neuem Tiefstand in Mathematik und Naturwissenschaften. In Deutsch waren die Ergebnisse vor zwei Jahren ebenfalls besorgniserregend.
Der Trend insgesamt gilt für fast alle Bundesländer, alle Schularten und alle Schülergruppen: Mehr als ein Viertel der Neuntklässler erfüllen nicht die Mindeststandards für den Mittleren Schulabschluss.
Hier in diesem Rahmen ist es keine Sensation, wenn ich festhalte: Wir klagen in Deutschland über Infrastruktur, marode Brücken, ein veraltetes Schienennetz und mehr – als Land, als Gesellschaft muss uns der Abwärtstrend bei Bildung noch viel mehr alarmieren.
Und nur, weil man das nicht wie bei Baumaßnahmen und anderen Bereichen sieht, ist es nicht weniger schlimm: Es geht um die Köpfe, auch die Herzen und Seelen unserer jungen Generation, um, kurz gesagt: die Zukunft unseres Landes. Und die liegt nicht im Schienennetz, nicht in Infrastruktur – die liegt in einem Land ohne Bodenschätze in den Köpfen seiner Menschen.
Das war einmal ganz selbstverständlicher Imperativ in unserem Land, und das muss es wieder werden.
Es braucht eine nationale Kraftanstrengung, um allen Kindern und Jugendlichen in Deutschland das Aufstiegsversprechen zu erfüllen. Dazu braucht es den Schulterschluss von Bund und Ländern, Schulen, Kitas und Familien, von Politik und Zivilgesellschaft.
Unser Bundesministerium denkt deshalb Bildung im großen, nationalen Maßstab, auf Bundesebene, von Kita bis zur beruflichen Weiterbildung - und dabei holen wir auch die Familien ins Boot.
Sie in der Wohlfahrtspflege sind dabei natürliche Alliierte, weil sie Wege hinein oder zurück in Bildung und Aufstieg organisieren, in vielen Bereichen, wie in der frühkindlichen Bildung und Erziehung in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung.
Was wir auf diesem Weg brauchen, sind gute Analysen und wirkungsvolle Maßnahmen.
Das bedeutet Sprachstandserhebung mit 4 Jahren, frühe Sprachförderung, klare Standards in allen Schulen, gezielte Unterstützung von Schulen bei individuellen Problemen – hier kann, und darf nicht alles mit demselben generellen Rezept behandelt werden.
Natürlich braucht es eine enge, neuartige Kooperation zwischen Bund, Ländern und Kommunen – das ist gerade Karin Prien als ehemaliger Landesministerin besonders wichtig. Moderner Bildungsföderalismus bedeutet dabei auch: Wettbewerb um die besten Lösungen, die zügig implementierbar und auch replizierbar sind.
Die Kooperation und gemeinsame Ziele von Bund, Ländern und Kommunen sind dabei so wichtig wie die zwischen Kita, Schule sowie Kinder- und Jugendhilfe.
Klar ist: die Bildungshoheit liegt bei den Ländern – die Verantwortung für die Zukunft unserer Jugend bei uns allen gemeinsam.
Der zweite Bereich des Dreiklangs in unserem Aufgabenbereich sind:
Starke Familien
Wir sind angetreten, um die Chancengerechtigkeit von Kindern zu verbessern. Dafür stellt der Bund zurecht Milliarden zur Verfügung. Geld der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, dass dann aber auch die gewünschte Wirkung erreichen soll. Und dazu braucht es gutes Monitoring, konkrete Ergebnisse, und gemeinsame Standards.
Das gilt ganz besonders für die so entscheidende frühkindliche Bildung.
Deshalb wollen wir das Qualitätsentwicklungsgesetz mit bundesweiten Standards für die Kindertagesbetreuung. Auch der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder ab 2026 wird zur Chancengerechtigkeit beitragen. Gerade hier braucht es die Kraft die Kompetenz der Freien Wohlfahrtspflege, die zentrale Angebotsträger sind, bei Ganztagsförderung und Kinder- und Jugendarbeit.
Starke Familien denken wir immer in Generationen, also generationenübergreifend.
Wir beziehen bewusst die Großelterngeneration mit ein. Mit 65 Jahren liegen im Schnitt noch fast zwei aktive Jahrzehnte vor uns. Die Erfahrung, die Empathie, die Kompetenz und das Engagement brauchen wir – es ist eine bislang sehr vernachlässigte Ressource, die unsere Gesellschaft nicht nur trägt, sondern auch stärkt, von Beruf über Ehrenamt und natürlich innerhalb der Familie, oft auch in nachbarschaftlichen und anderen Netzwerken.
Die Älteren sind vielleicht derzeit das stabilste Band, das unsere Gesellschaft zusammenhält. Gerade Menschen ab 50 engagieren sich besonders stark im Ehrenamt: Ob als Lesepaten, bei Besuchsdienst im Krankenhaus, Essen auf Rädern, Nachbarschaftshilfe oder schlicht als Gesprächspartner für die, die alleine im Leben stehen, im Einsatz gegen Einsamkeit. Es ist empirisch völlig unwiderlegbar, welch gewaltiges gesellschaftliches Kapital da noch oft unberührt schlummert.
Die Kurzfassung lautet: Ohne diesen Beitrag wäre Deutschland arm dran.
Übrigens beteiligen sich die älteren, der Demokratie tief verbundenen Wählerinnen und Wähler nicht nur am stärksten bei den Wahlen – sie wählen auch am stärksten demokratische Parteien; auch das ist ein häufig übersehener, wichtiger Beitrag zur Stabilität unseres Landes.
Das führt zum Dritten Feld des Dreiklangs:
Stärke und Resilienz der Demokratie
Für die Demokratie Engagierte – ob jung oder alt – bilden das Fundament einer lebendigen Demokratie. Sie tragen die Demokratie, indem sie Verantwortung übernehmen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern und Demokratie und ihre Werte im Alltag erfahrbar machen.
Dort, wo Menschen füreinander da sind, wächst auch Vertrauen, zueinander und für unsere Art zu leben. Vorbilder schaffen Vertrauen, und sie stärken die Widerstandskraft gegenüber Krisen und Angriffe gegen die Demokratie, ob von außen oder von innen.
Die in der BAGFW zusammengeschlossenen Verbände und Einrichtungen schaffen Zusammenhalt durch Engagement für andere, mit der Hilfe von rund 3 Millionen freiwillig Engagierten. Das ist stark.
Ehrenamt und Hauptamt zusammenzubringen, ist Aufgabe und Erfolg der Wohlfahrtspflege – und ist weit über die konkrete Hilfe für die Betroffenen hinaus ein wertvoller, essenzieller Beitrag für unsere Demokratie.
Dabei werden die Aufgaben nicht weniger, auch nicht einfach. Darum haben wir im Koalitionsvertrag aus Einsicht, und mehr noch aus Überzeugung festgelegt, die Wohlfahrtsverbände bedarfsgerecht auszustatten.
Es braucht Sie, Ihren Einsatz !
Sie sehen: es gibt eine Unmenge zu tun, anzupacken, in diesen besonderen Zeiten auch abzusichern. Dazu braucht dieses Land Sie und Ihren Einsatz. Ohne Ihren Einsatz können wir das alles gar nicht umsetzen!
Sie waren, Sie sind, und ich bin da ganz sicher, in diesen Fragen ein stets verlässlicher Partner.
Mein herzlicher Glückwunsch im Namen des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren und Jugend gilt heute den Preisträgerinnen und Preisträgern, mein Dank an Sie alle.
Lassen Sie uns in unserem gemeinsamen Einsatz auch in Zukunft Zeichen setzen – für Zusammenhalt, für Mitmenschlichkeit und für unsere Demokratie.
